Der beste aller Staaten
Auffällig an Juli Zehs schriftstellerischem Politikverständnis ist, dass sie sich geradezu zwanghaft auf dem Boden der Realpolitik bewegt. Voltaires Philosophen Pangloß gleich geht sie nimmermüde mit dem Gedanken hausieren, wir lebten vielleicht in „keiner guten, jedoch in der besten aller denkbaren Staatsformen“, wie sie in „Alles auf dem Rasen“ schreibt. Eine bessere Welt möchte sie sich also nicht einmal vorstellen. Verwunderlich, denn gerade Künstlerinnen und Künstlern steht in Demokratien die Möglichkeit offen, gesellschaftliche Utopien zu entwickeln, ohne sich einer partei- oder klientelgebundenen Denkdisziplin unterwerfen zu müssen. Ihnen steht es frei, sich mit dem Status quo nicht abzufinden, sondern ihn fundamental zu kritisieren, ohne unmittelbare Folgen zu gewärtigen.
Sie brauchen sich nicht mit den Funktionären des Common Sense auf Debatten über falsche und weniger falsche Lösungen einzulassen, sie können denken, was sie wollen – auch das gehört zum erwähnten Role Model. Nicht so bei Juli Zeh. Sie ist überzeugte Parteigängerin der westlichen Staaten in ihrer aktuellen Verfassung, sieht uns Europäer gar als „Nutznießer einer in Erfüllung gegangenen Utopie“, die es nun zu bewahren gelte. Im Zeichen einer grassierenden Umverteilung von unten nach oben, angesichts von rund 13 Millionen armutsgefährdeten Deutschen, erscheint diese Haltung reichlich realitätsvergessen, zumal die Krise auf anderen europäischen Ländern noch viel schwerer lastet.
Für Juli Zeh sind dies die notwendigen Härten der freien Welt, in einem Essay erklärt sie: „Man kann aber nicht Speck haben und das Schwein behalten – nicht die Freiheiten des Kapitalismus genießen und gleichzeitig nach einer sicheren Kuschelwelt verlangen.“ Hier würden Angela Merkel und Philipp Rösler sicher zustimmen.
Enno Stahl, 51, ist Journalist und Autor, er lebt in Neuss. In seinem aktuellen Buch „Diskurspogo“ (Verbrecher Verlag) untersucht er, wie sich die gesellschaftlichen Veränderungen und die aktuelle Politik in der deutschen Gegenwartsliteratur wiederfinden. Seiner Meinung nach zu wenig.
Die Zitate stammen aus Juli Zehs Büchern „Angriff auf die Freiheit“ (Hanser Verlag) und „Alles auf dem Rasen“ (Schöffling & Co.).
An anderer Stelle warnt Zeh den Staat vor Versuchen, „mit politischen Instrumenten erzieherisch“ auf die Wirtschaft einwirken zu wollen und sie isoliert von der Gesellschaft zu betrachten als „eine Art selbständiges, schwer zu bändigendes Wesen“. Das nämlich sei sie nicht, vielmehr seien Wirtschaft und Gesellschaft miteinander verflochten. Hier hat sie natürlich recht, aber wie die Praxis zeigt, fallen „erzieherische“ Versuche des Staates ohnehin eher halbherzig aus, schließlich sind die politischen Parteien für gewöhnlich mit Lobbyisten der verschiedensten Interessengruppen durchsetzt. Darüber schweigt Juli Zeh, die mit der Wirtschaftsmacht auch gar keine grundsätzlichen Probleme hat: „Um Missverständnisse zu vermeiden: Hier soll nicht in antikapitalistischer Absicht die Bedeutung ökonomischer Zusammenhänge für unser Leben kritisiert werden.“
Diesem Missverständnis aufzusitzen fällt bei Lektüre ihrer Essays schwer. Denn im Umkehrschluss folgt aus ihren Ausführungen, dass man der Wirtschaft das Feld zu überlassen habe, die unsichtbare Hand der Marktkräfte regele dann schon unser Wohlleben. Dass dies in der Praxis nicht funktioniert, ist inzwischen bekannt, Profiteure und Notleidende dieses Wirtschaftens verteilen sich alles andere als paritätisch. Es ist hilfreich, sich vor Augen zu führen, welchen Teil der Bevölkerung Juli Zeh mit ihren Argumenten im Auge hat.
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